Apple’s Antennagate oder warum man schlechten Empfang akzeptieren muss

Für alle, die sich noch fragen, ob das ganze Thema in der Presse übertrieben dargestellt wird, sei folgendes zuerst erwähnt: Das Problem ist insbesondere in schlecht versorgten Gebieten für jeden ohne Anstrengung nachvollziehbar: Einfach das iPhone in die linke Hand nehmen, 20-30 Sekunden warten – mehr braucht es nicht, um zum Beispiel an meinem Schreibtisch von 3 Empfangsbalken auf “kein Netz” zu wechseln. Das ist sowohl beim Surfen für Rechtshänder (mit dem iPhone in der linken Hand) als auch beim Telefonieren am linken Ohr mehr als störend und schlichtweg nicht hinnehmbar. Auch sei erwähnt, dass ich noch nie ein Smartphone in den Händen hatte, welches einen solch Empfangsverlust bei der Bedienung hatte. Kein Wunder also, dass auch das amerikanische Pendant zu Stiftung Warentest vom Kauf des iPhone 4 abriet.

Die einizige Lösung: Eine Schutzhülle um das Gerät zu machen oder ein nicht leitendes Klebeband anzubringen, so dass kein direkter Kontakt zur im Rahmen befindlichen Antenne entstehen kann – dies löste auch in unseren Tests das Problem zu 100%. Da dies eigentlich keine Lösung für Kunden ist, die sich ein Gerät in der 1000-Euro-Klasse kaufen, erwarteten die meisten Branchenkenner an diesem Abend die Ankündigung zu einer Rückrufaktion. Diese könnte Apple zwar bis zu 1,5 Milliarden kosten, aber das passende Signal setzen, um das Image der Marke Apple nicht zu beschädigen.

Entsprechend betrat Steve Jobs die Bühne und führte andere Modelle vor, bei welchen das gleiche Problem bestehen würde. Erwähnt wurden auch Nokia Modelle, die mit einem “Don’t touch here”-Aufkleber ausgeliefert würden (ich hatte übrigens noch nie ein Handy mit diesem Aufkleber). Und genau deshalb sei das Problem auch kein iPhone 4 Problem, sondern ein generelles Smartphone-Problem – und somit eine Herausforderung für die komplette Branche.

Danach präsentierte man noch Zahlen: 100 Mio. US$ investierte man zum Beispiel in die hochmoderne Testeinrichtung, in der 18 promovierte Wissenschaftler und Ingenieure beschäftigt sind. Auch würden sich nur 0,5% der Anrufer bei der Apple Hotline über den Empfang beschweren und ohnehin käme es nur weniger als einmal pro 100 Gespräche zu einem Verbindungsabbruch – ein Beweis für das überlegene Antennendesign bei Apple.

Um jetzt die letzten Kritiker noch glücklich zu machen, erhalten alle Besitzer eines iPhone 4 ein Bumper-Case geschenkt.

Überzeugt haben dürfte das Ganze niemand. Und dass Apple hunderte von Millionen in der Forschung und Entwicklung ausgibt, hilft auch nicht wirklich weiter – eher dürfte man sich dabei fragen, wie es bei einem solch professionellen Team und solch extrem hohen Ausgaben zu einem solch katastrophalen Fehler kommen konnte.

Insofern bleibt festzuhalten: Das iPhone 4 ist sicherlich in vielen Punkten ein äußerst gelungenes Produkt und wäre durchaus empfehlenswert. Da der Mangel in der breiten Öffentlichkeit bekannt ist, kann sich jeder selbst überlegen, ob er diesen Nachteil in Kauf nehmen möchte. In gut versorgten Gebieten ist der Empfangsverlust tatsächlich fast nicht spürbar. Und wer sich vorstellen kann, sein iPhone mit einem Bumper-Case oder einer ähnlichen Schutzhülle zu bedienen, wird zudem nicht das geringste merken – nicht einmal bei mir am Schreibtisch.

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Posted by Martin on 17.07.2010. Filed under Apple iOS, Handy. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0. Both comments and pings are currently closed.

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